Glossar: Künstlerisch informierte Ansätze der ästhetischen Bildung oder „Kunstvermittlung als Dekonstruktion“

Dieser seit Mitte der 1990er Jahre u. a. in der kunstpädagogischen Diskussion in Deutschland sich herausbildende Ansatz versucht die Kunstvermittlung methodisch und strukturell an ihrem Gegenstand auszurichten. Massgebliche theoretische Referenzen sind dabei poststrukturalistischer Provenienz: Gilles Deleuze und Felix Guattari; Jacques Derrida; Jacques Lacan. Zentrale Aspekte bei der »Kunstvermittlung als Fortsetzung von Kunst« (1) sind die Vermeidung von inhaltlichen Schliessungsbewegungen und stattdessen die Anerkennung der Unabschliessbarkeit von Deutungsprozessen bei der Auseinandersetzung mit Kunstwerken. Das Sprechen über Kunst wird in der Folge als unvermeidliche, produktive aber letztlich nicht final leistbare Bearbeitung eines Mangels, eines Begehrens verstanden (2).  Scheitern, Stottern, »Lücken – Reden« (3), die Konfrontation mit Sprach- und Verstehensgrenzen und die damit einhergehende Destabilisierung der Subjekte werden als konstitutiv für Lern- und Bildungsprozesse aufgefasst (4) . In der Folge werden Methoden favorisiert, die selbst performativ- künstlerischen Charakter haben, die auf die Offenheit der Semiose verweisen und Selbstreflexivität in der pädagogischen Situation evozieren. Kunst und mit ihr die Vermittlungsarbeit werden in ihrem gesellschaftlich relevanten Potential, Störmomente und Irritationen des als Normal geltenden zu produzieren, hervorgehoben.
Ein Beispiel für den Versuch, künstlerische Kunstvermittlung in Deutschland zu entwickeln, ist von der Gruppe Kunstcoop© dokumentiert; vgl. dazu NGBK (Hg.): Kunstcoop©, Berlin 2002.

 

Literatur

  • Pierangelo Maset: Ästhetische Bildung der Differenz, Stuttgart1995
  • Karl-Josef Pazzini: »Kunst existiert nicht, es sei denn als angewandte«, in: Bauhaus-Universität Weimar, Brigitte Wischnack (Hg.): Tatort Kunsterziehung. Thesis. Wissenschaftliche Zeitschrift der Bauhaus-Universität Weimar, Bd. 2., 46. Jg., 2000, S. 8–17
  • Karl Josef Pazzini: »Kunst und Bildung. Lösungen für Ich-starke Persönlichkeiten«, in: Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen (Hg.): Bilden mit Kunst, Bielefeld 2004. S. 31–48
  • Eva Sturm: »Vom Schiessen und vom Getroffen-Werden. Kunstpädagogik und Kunstvermittlung ›Von Kunst aus‹«, in: Karl-Josef Pazzini u.a. (Hg.): Kunstpädagogische Positionen 7, Hamburg 2005
  • Eva Sturm: Im Engpass der Worte, Berlin, 1996

 

 

(1) Eva Sturm: »Vom Schiessen und vom Getroffen-Werden. Kunstpädagogik und Kunstvermittlung ›Von Kunst aus‹«, in: Karl-Josef Pazzini u.a. (Hg.): Kunstpädagogische Positionen 7, Hamburg 2005
(2) Sturm: Im Engpass der Worte, a.a.O.
(3) Ebd.
(4) Karl Josef Pazzini: »Kunst und Bildung. Lösungen für Ich-starke Persönlichkeiten«, in: Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen (Hg.): Bilden mit Kunst, Bielefeld 2004. S. 31–48. Vgl. die Ausführungen von Ziegenbein, Distelberger, Landkammer, Wienand, Wiegand in diesem Band